Drittgrößte Stadt des Römischen Reichs. Ausgangspunkt der
Heidenmission. Sitz, auf den sich heute mehr Patriarchatskirchen
berufen als auf jeden anderen — und doch außerhalb kirchlicher
Fachkreise kaum bekannt. Diese Seite versammelt Geschichte,
Konfessionen und Gemeinden der antiochenischen Tradition an einem Ort.
des Römischen Reichs im 1. Jahrhundert — nach Rom und Alexandria, mit geschätzten 250.000–500.000 Einwohnern.
Apg 11,26
Geburt eines Namens
Hier wurden die Jünger Jesu erstmals „Christianoí" — „Christen" — genannt. Antiochia ist Namensgeberin einer Weltreligion.
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Patriarchate
führen heute ihren Sitz auf Antiochia zurück — mehr als auf jeden anderen Bischofssitz der Welt.
6. Feb. 2023
Bruchlinie
Das Erdbeben zerstört große Teile Antakyas und mehrere Kirchen, die in direkter Linie auf die antike Christenheit zurückgingen.
Geschichte
Von Seleukos bis Antakya
Wenige Städte der Antike haben das Christentum so stark geprägt wie
Antiochia am Orontes. Hier wurde ein neuer Religionsname geboren, hier
stritten Apostel über die Speisegebote, hier entstand eine eigene Schule
der Theologie. Und hier wuchs aus einem Bischofssitz die größte
konfessionelle Verzweigung des östlichen Christentums.
Ausschnitt des Yakto-Mosaiks (5. Jh.) — Szenen aus dem Alltag von Antiochia und Daphne. Hatay-Archäologiemuseum.
Bildquellen
Die hellenistische Metropole
Um 300 v. Chr. gegründet von Seleukos I. Nikator,
benannt nach seinem Vater Antiochos — schon im Namen steckt die
Dynastie-Ambition. Die Stadt am Orontes, etwa zwanzig Kilometer
landeinwärts vom Mittelmeer, lag an einer der wichtigsten
Verkehrsachsen der antiken Welt: zwischen Mesopotamien, Anatolien und
Ägypten, an der Kreuzung der Seiden- und Karawanenstraßen.
Nach dem Untergang des Seleukidenreichs wurde Antiochia 64 v. Chr.
Hauptstadt der römischen Provinz Syria. Mit geschätzten
250.000 bis 500.000 Einwohnern zählte sie zu den drei größten Städten
des Reiches — neben Rom und Alexandria. Strabon nannte sie eine
„Tetrapolis", eine Vierstadt, wegen ihrer vier ummauerten Quartiere.
Griechisch sprechende Eliten, syrisch-aramäische Händler, eine große
jüdische Gemeinde und römische Verwalter lebten Tür an Tür.
Die christliche Geburtsstadt
Nach der Verfolgung in Jerusalem flohen Jünger Jesu auch nach Antiochia
und verkündeten dort — anders als zuvor — explizit auch unter
Nichtjuden (Apg 11,19ff). Aus dieser Gemeinschaft wurde innerhalb
weniger Jahre eine eigene Bewegung. Barnabas und Paulus
wirkten hier rund ein Jahr; in dieser Zeit fiel zum ersten Mal ein
neuer Name:
„… und in Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt."
— Apostelgeschichte 11,26
Antiochia wurde zum Ausgangspunkt der Heidenmission. Von hier brach
Paulus zu seinen Missionsreisen auf; hier kam es auch zum
sogenannten Antiochenischen Streit (Gal 2,11–14), als
Paulus Petrus öffentlich rügte, weil dieser sich von den
Heidenchristen distanziert hatte. Theologisch wegweisend.
Aus den ersten Generationen wurde rasch eine eigene antiochenische
Schule der Theologie: Ignatius von Antiochien (um 110
Märtyrer), der den Begriff „katholische Kirche" prägte; später
Diodor von Tarsus, Theodor von Mopsuestia und vor
allem Johannes Chrysostomus. Sie standen für eine wörtlich-historische
Schriftauslegung — als Gegenpol zur allegorischen Alexandriner Schule.
Spaltung, Eroberung, Kreuzzug
Das Konzil von Chalcedon (451) teilte das Patriarchat
in zwei Linien — eine chalcedonische (heute griechisch-orthodox) und
eine miaphysitische (heute syrisch-orthodox). Beide bestehen bis
heute. 637 fiel die Stadt an die arabischen Eroberer; die
christlichen Patriarchate blieben unter islamischer Herrschaft
bestehen, als geduldete Religionsgemeinschaften.
1098, während des Ersten Kreuzzugs, fiel Antiochia
nach einer der berüchtigtsten Belagerungen des Mittelalters an die
Kreuzfahrer. Es entstand das Fürstentum Antiochia, das fast
170 Jahre lang Bestand hatte — bis es 1268 von den
Mamluken erobert und die Stadt nahezu vollständig zerstört wurde.
Von Trümmern zur Modellstadt — und zurück
Antiochia liegt direkt auf der Ostanatolischen Verwerfung. Schwere
Erdbeben sind kein Ausnahme-, sondern ein Wiederholungsmuster: 526 n. Chr. (mit geschätzten 250.000 Toten eines der verheerendsten der
Antike), 1170, 1822 — und zuletzt am 6. Februar 2023.
Vor 2023 galt das heutige Antakya als seltenes Beispiel
eines lebendigen religiösen Pluralismus: Sunniten, Aleviten, orthodoxe
und katholische Christen, Armenier und eine kleine jüdische Gemeinde
lebten dort in einer Altstadt, die in Teilen auf antike Substanz
zurückging. Das Erdbeben hat dieses Erbe massiv beschädigt — wovon der
Wiederaufbau nicht alles wird retten können.
300 v. Chr.
300 v. Chr.
Gründung
Seleukos I. gründet Antiochia am Orontes als Hauptstadt des Seleukidenreichs.
64 v. Chr.
64 v. Chr.
Römische Provinz
Antiochia wird Hauptstadt der römischen Provinz Syria. Drittgrößte Stadt des Imperiums nach Rom und Alexandria.
um 40 n. Chr.
um 40 n. Chr.
Erste Christen
In Antiochia werden die Jünger Jesu erstmals „Christen" genannt (Apg 11,26). Petrus und Paulus wirken hier.
451
451
Konzil von Chalcedon
Spaltung des antiochenischen Patriarchats in eine chalcedonische (heute griech.-orth.) und eine miaphysitische (heute syr.-orth.) Linie.
637
637
Arabische Eroberung
Antiochia fällt an das Kalifat. Die christlichen Patriarchate bestehen unter islamischer Herrschaft fort.
1098
1098
Kreuzfahrerfürstentum
Während des Ersten Kreuzzugs wird Antiochia eingenommen. Es entsteht das Fürstentum Antiochia, das bis 1268 besteht.
1724 / 1781
1724 / 1781
Unionen mit Rom
Aus dem griechisch-orthodoxen Patriarchat geht 1724 die melkitische, aus dem syrisch-orthodoxen 1781 die syrisch-katholische Kirche hervor.
2023
2023
Erdbeben
Das Erdbeben vom 6. Februar zerstört weite Teile Antakyas (heutiges Antiochia) und mehrere historische Kirchen.
Die fünf heutigen Patriarchate
Ein Bischofssitz, fünf Traditionen
Aus dem einen antiochenischen Bischofssitz sind im Lauf der Jahrhunderte
fünf eigenständige Patriarchatskirchen hervorgegangen — getrennt durch
zwei große Bruchlinien.
Die erste war das Konzil von Chalcedon (451): Es teilte
die Christen Antiochias in eine chalcedonische Linie (die ihre
Christologie mit dem byzantinischen Reich teilte — heute
griechisch-orthodox) und eine miaphysitische Linie, die das Konzil
ablehnte — heute syrisch-orthodox.
Die zweite Bruchlinie waren die Unionen mit Rom: Die
maronitische Kirche stand jahrhundertelang in Verbindung mit Rom und
ist die einzige antiochenische Kirche ohne ein nicht-uniertes
Gegenstück. 1724 spaltete sich aus dem
griechisch-orthodoxen Patriarchat die mit Rom unierte melkitische
Kirche ab; 1781 aus dem syrisch-orthodoxen die mit Rom
unierte syrisch-katholische Kirche.
Heute trennen sie Christologie, Liturgiesprache und kirchenrechtliche
Bindung. Den Bezug auf den antiken Sitz, große Teile der Liturgie und
einen gemeinsamen Heiligenkalender teilen sie.
Orthodox (chalcedonisch)
Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Antiochien
Sitz
Damaskus, Syrien
Oberhaupt
Patriarch Johannes X. Yazigi
Tradition
in der Tradition der Urkirche; Spaltung von der syrisch-orthodoxen Linie 451 (Chalcedon)
Versteht sich als unmittelbare Fortsetzung des Patriarchats, das nach dem Konzil von Chalcedon (451) bei der Reichskirche verblieb. Liturgiesprache überwiegend Arabisch, daneben Griechisch.
aus der Ablehnung des Konzils von Chalcedon (451) hervorgegangen
Hält an der miaphysitischen Christologie fest. Liturgiesprache klassisches Syrisch (Aramäisch). Heute weltweit verstreut, mit großen Diasporagemeinden in Europa, Nord- und Südamerika.
1781 als Union mit Rom aus dem syrisch-orthodoxen Patriarchat
Westsyrische Liturgietradition in Verbindung mit Rom. Kleinste der antiochenischen Patriarchatskirchen, mit Gemeinden im Nahen Osten und großer Diaspora.
Hinweis: Auch die Assyrische Kirche des Ostens steht in einer
verwandten ostsyrischen Tradition, führt ihren Sitz jedoch nicht auf
Antiochia, sondern auf Seleukia-Ktesiphon zurück. Sie ist deshalb
hier nicht aufgeführt.
Verzeichnis weltweit
Antiochenische Gemeinden — wo sie heute leben
Über die Migrationsbewegungen der letzten 150 Jahre hat sich die
antiochenische Tradition über alle Kontinente verteilt. Diese Seite
baut ein offenes, durchsuchbares Verzeichnis dieser Gemeinden auf —
gegliedert nach Region, Konfession und Liturgiesprache. Beiträge aus
den Gemeinden selbst sind ausdrücklich willkommen.
Im Aufbau
Das Gemeindeverzeichnis wird Schritt für Schritt aufgebaut — durchsuchbar
nach Land, Stadt und Konfession, mit Adresse, Gottesdienstzeiten und
Sprache. Quellen sind die offiziellen Listen der Patriarchate sowie
Hinweise aus den Gemeinden selbst.
Die St.-Petrus-Kirche in Antakya, 2019 — eine der ältesten christlichen Stätten überhaupt, in den Fels geschlagen. Foto: Dosseman, CC BY-SA 4.0.
Bildquellen
Am Morgen des 6. Februar 2023 erschütterten zwei
schwere Beben — Magnitude 7,8 und neun Stunden später 7,5 — die
Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien. Antakya, das antike
Antiochia, gehörte zu den am stärksten betroffenen Städten. Über
50.000 Menschen starben in der Region; in Antakya allein wurden ganze
Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht.
Zerstörte und beschädigte Kirchen
Die Griechisch-Orthodoxe Kirche der Heiligen Petrus und Paulus,
Hauptsitz der antiochenisch-orthodoxen Gemeinde in Antakya, wurde
schwer beschädigt — Mauern und Kuppel teilweise eingestürzt. Auch die
Katholische Kirche der Verkündigung (Annunziata)
erlitt erhebliche Schäden. Die Synagoge von Antakya
wurde zerstört; der jüdische Gemeindevorsteher kam ums Leben — er war
eines der letzten aktiven Mitglieder einer Gemeinde, die seit der
Antike in Antiochia präsent war.
Die Petrusgrotte (St.-Petrus-Kirche) oberhalb der
Stadt — eine der ältesten christlichen Stätten überhaupt, in den
Felsen geschlagen und seit der frühchristlichen Zeit als
Versammlungsort überliefert — überstand das Beben weitgehend. Einzelne
Felsstücke lösten sich, die Hauptstruktur blieb erhalten.
Wiederaufbau
Der Wiederaufbau läuft seit 2023 auf mehreren Ebenen: durch staatliche
türkische Stellen, durch die betroffenen Patriarchate, durch
internationale UNESCO-koordinierte Initiativen für das kulturelle
Erbe — und durch die antiochenische Diaspora, die weltweit Spenden
sammelt und teils ganze Pfarreien adoptiert hat. Realistisch wird der
Wiederaufbau Jahre, in Teilen Jahrzehnte dauern; einiges der
jahrtausendealten Substanz ist unwiderruflich verloren.
„Was hier zerstört wurde, war nicht nur Stein — es war geteilte
Geschichte von Christen, Muslimen und Juden über zwei Jahrtausende."
Eine kuratierte Liste verlässlicher Spendenkanäle und
Wiederaufbau-Initiativen folgt — vorerst empfehlen wir, direkt über
die Websites der jeweiligen Patriarchate (siehe oben) zu spenden.
Quellen & Lesetipps
Wo wir weiterlesen
Diese Seite stützt sich auf Standardwerke der Antiochia-Forschung und
auf die offiziellen Veröffentlichungen der Patriarchatskirchen.
Hinweise auf Fehler oder fehlende Quellen sind willkommen.
Bücher
Glanville Downey:A History of Antioch in Syria
from Seleucus to the Arab Conquest. Princeton University Press,
1961 — bis heute Standardwerk zur antiken Stadtgeschichte.
Catherine Saliou (Hg.):Le Proche-Orient: De
Pompée à Muhammad. Belin, Paris 2020 — moderne Synthese zur
spätantiken Region einschließlich Antiochias.
Wendy Mayer / Pauline Allen:The Churches of
Syrian Antioch (300–638 CE). Peeters, Leuven 2012 — fundiert
zur Topographie der frühchristlichen Stadt.
Christine Chaillot:The Greek Orthodox Patriarchate
of Antioch and all the East. Inter-Orthodox Dialogue, 2013 —
Überblick zum heutigen griechisch-orthodoxen Patriarchat.
Online
Hatay Archaeological Museum
— Mosaiken aus dem antiken Antiochia, eine der größten
antiken-Mosaiken-Sammlungen der Welt.
Die offiziellen Websites der fünf Patriarchate (siehe Karten im
Abschnitt Patriarchate).
FAQ
Häufige Fragen
+
Wo liegt Antiochia heute?
Das antike Antiochia am Orontes liegt im heutigen Antakya, Provinz Hatay, im Süden der Türkei nahe der syrischen Grenze. Die Stadt wurde beim Erdbeben am 6. Februar 2023 schwer beschädigt.
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Warum ist Antiochia für das Christentum so bedeutend?
In Antiochia wurden die Jünger Jesu erstmals „Christen" genannt (Apostelgeschichte 11,26). Die Stadt war eines der fünf Urpatriarchate der frühen Kirche — neben Rom, Konstantinopel, Alexandria und Jerusalem — und ein Zentrum frühchristlicher Theologie.
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Wie viele antiochenische Patriarchate gibt es heute?
Fünf Patriarchatskirchen führen ihren Sitz auf Antiochia zurück: das Griechisch-Orthodoxe und das Syrisch-Orthodoxe Patriarchat (beide in Damaskus), das Maronitische Patriarchat (Bkerké, Libanon), das Melkitische Griechisch-Katholische Patriarchat (Damaskus) sowie das Syrisch-Katholische Patriarchat (Beirut).
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Worin unterscheiden sich die Konfessionen?
Die Trennungen gehen auf das Konzil von Chalcedon (451) und spätere Unionen mit Rom (1724 melkitisch, 1781 syrisch-katholisch) zurück. Sie unterscheiden sich in Christologie, Liturgiesprache und kirchenrechtlicher Bindung — alle berufen sich aber auf denselben antiken Bischofssitz.
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Wo lebt die antiochenische Diaspora?
Große Gemeinden gibt es in den USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Australien, Schweden, Deutschland und den Niederlanden. Sie sind oft im 19. und 20. Jahrhundert aus dem osmanischen und später dem syrisch-libanesischen Raum entstanden.